Schallmayer 1984 Abb. 16. Inhaltsverzeichnis: II. Die römische Sicherheitspolitik im Mittelrheingebiet von Caligula bis Hadrian 1.) Caligula und Claudius Germanensiege
ohne Wert?
III. Zusammenfassung der Ergebnisse und Interpretation
I. Hinführung zum Thema Die Einrichtung des Limes in den beiden Germanien zwischen Rhein und Donau ist ein deutliches Zeichen für einen Wandel in der Germanienpolitik der Römer. Seit seinem Beginn nach den Chattenkriegen unter Domitian bis zu seinem Ende um 260 markierte er eine eindeutige Grenze zwischen dem römischem Territorium und dem Land der germanischen Stämme. Doch der Kontakt der Römer mit Germanien bestand schon sehr viel länger. C. Julius Cäsar hatte die Grenze des Imperiums im Gallischen Krieg 58-51 v. Chr. bis an den Rhein vorgeschoben. Er überschritt ihn jedoch nur im Rahmen kurzfristiger Aktionen, wohl im Bereich des Neuwieder Beckens (1). Der erste Prinzeps Augustus (27 v. Chr.-14 n. Chr.) betrieb eine offensive Politik. Unter seiner Herrschaft wurde die Rheinlinie ausgebaut. Sein Stiefsohn Drusus stieß 12-9 v. Chr. bis zur Elbe vor. Eine der Stoßrichtungen führte durch die Wetterau. Der Tod des Drusus 9 v. Chr. und die Katastrophe der Varusschlacht 9 n. Chr. waren zwei der Ursachen, die die flächige Expansion der Römer ins Gebiet rechts des Rheins verhinderten. Augustus´ Nachfolger Tiberius (14-37 n. Chr.) beendete schließlich die durch Germanicus, den Sohn des Drusus, wiederaufgenommenen Eroberungsversuche 16 n. Chr.: Der Krieg wurde als beendet erklärt und mit einem Triumph abgeschlossen (2). Die Rheinlinie wurde mit Ausnahme einiger Brückenköpfe als alte und neue Grenze bestätigt. Stattdessen bemühten sich die Römer nun, durch Vertragsschließungen und Umsiedlungen verbündeter Stämme einen Schutzgürtel zu errichten. So wurde bereits in spätaugusteisch-frühtiberischer Zeit der Stamm der Mattiaker im Gebiet des heutigen Wiesbaden angesiedelt (3). Die Römer verzichteten also bereits ca. 70 Jahre vor der Einrichtung des Limes offiziell auf eine Eroberung Germaniens rechts des Rheins. Trotzdem ergab sich gegen Ende des 1. Jahrhunderts n. Chr. die Notwendigkeit der Einrichtung eines komplexen taktischen Verteidigungssystems, das im Laufe des 2. Jahrhunderts stetig ausgebaut wurde. Wo sind die Ursachen hierfür zu suchen? Die Wetterau, die leicht hügelige Senke nördlich des Mains zwischen Taunus und Vogelsberg, eignet sich besonders dazu, die sicherheitspolitischen Beweggründe, die zur Einrichtung des Limes führten, exemplarisch zu untersuchen (Karte). Ein Blick auf eine Karte der Limesstrecke zeigt, daß der Grenzverlauf einen weiten Bogen nach Norden macht, um die Wetterau einzuschließen. Sie muß also einen besonderen Wert für die Römer besessen haben und deswegen besonders schützenswert gewesen sein. In den Quellen taucht in dieser Region der Stamm der Chatten immer wieder als Gegner der Römer auf. Er hatte seine Stammsitze im Raum von Fritzlar und Kassel an der oberen Fulda. Von Tacitus ausführlich und respektvoll beschrieben (4), ziehen sich die Angriffe der Chatten und die Gegenangriffe der Römer über fast zwei Jahrhunderte hinweg wie ein roter Faden durch die Geschichte der Region. Die zu Verfügung stehenden Quellen sind relativ zahlreich. An erster Stelle steht zum einen die literarische Überlieferung. Bedeutend sind hier soweit erhalten die Werke des Tacitus (* 55/56 n. Chr.), die Annalen, die Historiae und die Germania; weiterhin das Geschichtswerk des Cassius Dio (155-235 n. Chr.) und die Kaiserbiographien des Sueton (* ca. 70 n. Chr.). Gleichrangig einzustufen sind die archäologischen Befunde, die die Schriftquellen ergänzen oder korrigieren können. Hinzu kommen epigraphische und numismatische Quellen, die für die Erhellung von einzelnen Aspekten unverzichtbar sind. Die antiken Hinterlassenschaften sind jedoch nicht immer leicht zu interpretieren. Dies liegt zum einen an der oftmals subjektiven Aussageabsicht der Autoren, zum anderen an den unterschiedlichen Auslegungsmöglichkeiten, v. a. im Bereich der archäologischen Befunde. Die Forschungsliteratur zur Sicherheitspolitik der Römer in Germanien und zum Limes selbst ist zahlreich. Im folgenden sollen die wichtigsten benutzen Publikationen genannt sein. An einführenden und überblicksartigen Werken zum Limes allgemein sind der Limesführer von D. Baatz von 1993 bzw. die Publikation von M. Klee aus dem Jahr 1989 mit einer Detailbeschreibung der Wetteraustrecke sowie der von D. Baatz und F.-R. Herrmann 1989 herausgegebene Band über die Römer in Hessen zu nennen. Neu hinzugekommen ist unlängst der neue Limesführer von B. Rabold, E. Schallmayer und A. Thiel. Grundlegend zur Sicherheitspolitik ist die zusammenfassende Bearbeitung von B.-J. Wendt aus dem Jahr 1960. Für die Wetterauregion bedeutend ist die 1992 erschienene Arbeit von A. Becker über das Verhältnis Roms zu den Chatten. Zur Politik einzelner Kaiser sind die diversen Biographien heranzuziehen (5). Ausgangspunkt für die archäologischen Untersuchungen sind die Artikel von B. Oldenstein-Pferdehirt und H. Schönberger aus den Jahren 1983 bzw. 1985. Durch Auswertung sowie Zuhilfenahme und kritischer Bewertung der Sekundärliteratur der antiken Überlieferung soll nun im folgenden versucht werden, die Frage nach den sicherheitspolitischen Ursachen des Limesbaus am Beispiel der Wetterau und des zum Rhein hin vorgelagerten Gebietes der unteren Mainebene zu erhellen.
II. Die römische Sicherheitspolitik im Mittelrheingebiet von Caligula bis Hadrian
Nachdem Tiberius auf eine Fortsetzung der Eroberungspolitik verzichtete hatte, kam es am Rhein erst über 20 Jahre später wieder zu größeren Aktionen der Römer. Für die dortigen Unternehmungen des Kaisers Caligula (37-41 n. Chr.), des Sohnes des Germanicus, 39/40 n. Chr. ist die Quellenlage außerordentlich schwierig. Die Annalen des Tacitus sind für diesen Zeitraum nicht erhalten, Sueton (6) und Cassius Dio (7) geben nur ein sehr verzerrtes Bild der Geschehnisse wider. Dies erklärt sich u. a. aus dem schlechten Verhältnis des Caligula zum Senat gegenüber, weshalb er in der senatorischen Geschichtsschreibung, aber auch vom Ritter Sueton, negativ dargestellt wurde. Für die Reise des Kaisers nach Mainz und den folgenden Feldzug ins rechtsrheinische Gebiet nennen die Quellen direkt oder indirekt mehrere mögliche Gründe. Nach Sueton wollte Caligula lediglich auf einen plötzlichen Entschluß hin seine germanische Leibwache durch einen Zug ins freie Germanien aufstocken (8). Cassius Dio führt an, Caligula habe Unruhen in Germanien als Vorwand benutzt, um in Gallien seine Schulden durch Plünderungen zu tilgen (9). Würde man den antiken Historikern folgen, wäre der Feldzug des Caligula ins rechtsrheinische Germanien nicht Teil einer geplanten Sicherheitspolitik, sondern aus ganz anderen Motiven erfolgt. Doch die Angaben beider Autoren erscheinen unglaubwürdig. Die Aufstockung einer Leibwache kann kein ernsthafter Grund für einen Kriegszug gewesen sein. Ebensowenig wäre die persönliche Anwesenheit des Caligula in Gallien zur Ausplünderung der Provinz nötig gewesen (10). Anzunehmen ist ein gewisser innenpolitischer Zwang in
der germanischen Politik, den Tiberius seinem Nachfolger indirekt auferlegt
hatte. Im Jahr 17 n. Chr. galt die Germanenfrage durch den Triumph des
Germanicus offiziell als gelöst. Im Widerspruch dazu bestätigte
Tiberius den Rhein als Grenze des Reiches und dokumentierte damit aus heutiger
Sicht das Scheitern der ursprünglich augusteischen Ziele rechts des
Rheins. Dies bedeutete für jeden Kaiser nach Tiberius, die Ansprüche
auf die rechtsrheinischen Gebiete wahren zu müssen, wollte
er nicht den Sieg des Germanicus preisgeben.
Diese Region war
Die bei Cassius Dio überlieferten Unruhen in Germanien hingegen deuten bereits konkrete politische und militärische Zwänge für eine Intervention an. Sueton ergänzt dieses Bild: Germanen waren bereits bis nach Gallien eingefallen (12). Begünstigt wurden diese Verhältnisse durch die geringen militärischen Qualitäten des obergermanischen Legaten Gaetulicus, der noch dazu Teil einer großangelegten Verschwörung gegen den Kaiser war (13). Die Lage an der Grenze scheint also sowohl innen- als auch außenpolitisch sehr unruhig gewesen zu sein. Gegen einen spontanen Entschluß Caligulas aus einer Laune heraus sprechen v. a. die umfangreichen Rüstungsvorbereitungen, die er seinem Unternehmen vorausgehen ließ (14). Ausgehend von diesen Voraussetzungen bietet sich folgendes Bild: Caligula brach rasch nach Mainz auf und beseitigte dort zunächst die Mißstände, indem er Gaetulicus durch Sulpicius Galba ersetzte und umfangreiche Entlassungen im Heer vornahm. Sodann reorganisierte Galba das Heer und warf die Germanen zurück (15). Bei diesen handelte es sich vielleicht bereits um Chatten, mit denen Galba nach Cassius Dio auch später noch in Kämpfe verwickelt war (16). Während dieser Ereignisse war auch Caligula selbst mindestens zweimal in rechtsrheinischem Gebiet (17). Die geographischen und militärischen Ziele dieser Aufenthalte sind nur schwer zu deuten. Der zweite führte vielleicht in die Gegend der unteren Mainebene oder in die Wetterau, auch wenn dies archäologisch anders als von Wendt angenommen sehr fraglich ist. Die Datierung des Lagers Hofheim a. Ts. ist zu unsicher, um die dauerhafte Präsenz der Römer zu dieser Zeit weit im rechtsrheinischen Gebiet zu belegen (18). Diese Aktionen des Kaisers selbst waren sicherlich nicht zwingend erforderlich. Caligula scheint die Situation also genutzt zu haben, um den bereits oben dargestellten Erfordernissen Nachfolge des Drusus und Germanicus sowie Befriedigung der Erwartungen von Senat und Volk nachzukommen (19). Nichtsdestotrotz verrät die Wahl des Aktionsgebietes strategisches Kalkül: Man mußte den Chatten oder anderen Germanen den Zugriff auf die Mainebene entziehen und dadurch die direkte Bedrohung der sich entwickelnden linksrheinischen Gebiete um das Legionslager Mainz herum verringern (20). Die Mainebene war, wie der Oberrheingraben südwestlich und die Wetterau nördlich, eine der Hauptverbindungen zwischen den Mittelgebirgen von Norden nach Süden und umgekehrt. Bereits Drusus und Germanicus waren durch die Mainebene und die Wetterau zur Elbe hin vorgestoßen (s. S. 1). Auch germanische Angreifer, etwa die Chatten, nahmen v. a. diese Route in Richtung Süden. Eine Sperrung dieses Kanals hätte also eine wesentliche Entlastung der südlichen Rheinlinie bedeutet. Die Kontrolle der Mainebene als Vorfeld und Schutzzone des Legionslagers Mainz war also wesentlich für die regionale und überregionale Sicherheit (21). Letztlich war dem Feldzug des Caligula, ähnlich den Aktionen des Germanicus, nur geringer bleibender Erfolg beschert. Abgesehen von den seit augusteischer Zeit bestehenden Brückenköpfen in Mainz-Kastel und Wiesbaden sowie evtl. dem Vorposten in Hofheim a. Ts. blieb die Mainebene unbesetzt (22). Aber ähnlich wie Germanicus feierte Caligula einen Triumph über die Germanen. Damit und mit anderen Ehrungen präsentierte er der römischen Öffentlichkeit erneut die Lösung der germanischen Frage (23). An der Situation in Germanien selbst hatte sich allerdings nichts grundlegend geändert. Auch unter Caligulas Nachfolger Claudius gingen die Auseinandersetzungen mit den Chatten weiter. In der Zeit des Claudius (41-54 n. Chr.), dem Sohn des Drusus und Onkel des Caligula, setzten sich die unsicheren Verhältnisse am Mittelrhein fort. Galba siegte 41 n. Chr. erneut in Kämpfen gegen die Chatten (24). Dieser Erfolg muß die Germanen für einige Zeit ferngehalten haben, denn Mitte der 40er Jahre ließ Galbas Nachfolger Curtius Rufus seine Truppen im Gebiet der Mattiaker zwischen Mainmündung und Taunus Silberadern abbauen (25). Doch diese Ruhe währte nicht lange. Bereits 50 n. Chr. mußte P. Pomponius Secundus, der nächste obergermanische Legat, den rechtsrheinischen Brückenkopf bei Mainz gegen einen größeren Angriff der Chatten verteidigen, wofür er die Triumphalornamente erhielt (26). Anders als Caesar und Claudius´ Vorgänger Augustus, Tiberius und Caligula, in deren Regierungszeiten zumindest zeitweise die germanische Frage im Vordergrund stand, wendete sich Claudius v. a. Britannien zu. Obwohl offensichtlich die Grenze am Mittelrhein immer wieder bedroht war, beschränkte man sich auf unmittelbare und beschränkte Reaktionen. Spätestens jetzt wurde jedoch in Hofheim a. Ts. ein Militärlager eingerichtet (27). Ob dieses Lager im Zusammenhang mit dem Silberabbau Mitte der 40er Jahre zu sehen ist oder als Reaktion auf die fortgesetzten Angriffe der Chatten, läßt sich zur Zeit nicht klären. Hier zeigt sich allerdings das Bemühen, eine Pufferzone vor die Grenze zu legen, bereits deutlicher (28).
Unter Nero (54-68 n. Chr.) kam es den Quellen zufolge nicht mehr zu Kampfhandlungen am Mittelrhein. Der Grund hierfür waren aber wohl weniger die militärische Überlegenheit der Römer als vielmehr innergermanische Auseinandersetzungen, die v. a. die Kräfte der Chatten banden (29). Nero allerdings nutzte diese Gelegenheit nicht aus. Wie zuvor unter Claudius stand der Rhein nicht im Mittelpunkt seines Interesses. Nach Neros Tod kam es zum Bürgerkrieg, in dem vom niedergermanischen Legaten Vitellius ein großer Teil der römischen Streitkräfte Germaniens abgezogen wurde. Als Folge davon ist der Bataveraufstand unter Civilis 69/70 n. Chr. zu sehen, der nicht nur den Niederrhein, sondern auch das östliche Gallien und weitere rechtsrheinische Stämme erfaßte. Im Bereich des Mittelrheins wurden die Lager Hofheim a. Ts. und Wiesbaden zerstört (30). Das Legionslager Mainz wurde von Chatten, Usipetern und Mattiakern belagert (31). Nach dem Sieg des Vespasian über seine Konkurrenten im Kampf um den Thron wurde der Aufstand niedergeschlagen, und der neue Kaiser konnte die Verhältnisse am Rhein ordnen. Während das Doppellegionslager in Vetera (Xanten) gegenüber der Lippemündung als Relikt der Offensivpolitik aufgelassen wurde, blieb Mainz das einzige Lager mit zwei Legionen als Besatzung. Ein starker Schutz der Mainebene vor den Einfällen der Chatten war also auch weiterhin nötig (32). Unter Vespasian (69-79 n. Chr.) begannen die Römer, ihre rechtsrheinischen Brückenköpfe zu erweitern und die Grenze des Reiches in östlicher Richtung vorzuschieben. Cn. Pinarius Cornelius Clemens, der für das Jahr 74 n. Chr. als obergermanischer Legat bezeugt ist (33), erhielt für die Besetzung rechtsrheinischer Gebiete, u. a. der Mainebene und der Wetterau (34), die Triumphalinsignien (35). Archäologisch lassen sich in diesem Gebiet eine ganze Reihe in vespasianischer Zeit angelegte Militärlager nachweisen: evtl. Höchst, Frankfurt a. M.-Domhügel und -Heddernheim, Okarben und Friedberg (36). Diese ziehen sich wie eine Kette die Nidda entlang nach Norden. Hier stellt sich wie beim Feldzug des Caligula die Frage nach den Gründen für diese Landnahme. Das immer wieder angeführte Argument der Grenzverkürzung zwischen Rhein und Donau (37) kann ja gerade im Fall der Wetterau nicht herangezogen werden. Innenpolitisch bedeuteten Erfolge in Germanien sicherlich ein nicht zu unterschätzendes Prestige. Allerdings verzichtete Vespasian zumindest der Überlieferung nach auf eine deutliche Herausstellung seiner Erfolge. Lediglich die imperatorischen Akklamationen des Kaisers stiegen in ihrer Anzahl Anfang 74 n. Chr. von 11 auf 13 (38). Der von Tiberius vorgegebene und oben angesprochene innenpolitische Zwang, an einer Grenze zu Stämmen, über die bereits triumphiert worden war, Erfolge aufweisen zu müssen, dürfte fast 60 Jahre später nicht mehr so von Bedeutung gewesen sein wie evtl. noch für Claudius oder Titus. Immerhin hatte auch Nero offensichtlich auf größere Aktionen am Rhein verzichten können. Auch die dynastische Bindung an die großen Germanensieger Drusus, Tiberius und Germanicus war nun für den ersten Flavier nicht mehr gegeben. Die Überlegungen B.-J. Wendts zu einer bewußten Rückbeziehung auf die Zeit der ersten Julier und einen Bruch mit der Orientpolitik des Nero mögen für die oberrheinischen Eroberungen in Betracht kommen, erklären jedoch nicht befriedigend das weite Ausgreifen der römischen Militärpräsenz in der Wetterau nach Norden (39). Dort schoben sich die vespasianischen Lager weit nach Norden über die alte Grenze des römischen Einflußbereiches hinaus. Eine größere einheimische Bevölkerung, die man hätte unterwerfen können, läßt sich hier weder durch archäologische noch durch historische Quellen nachweisen. Als einziger wirklicher Gegner blieben die nördlich der Wetterau siedelnden Chatten (40). Die Eroberungen des Clemens scheinen in diesem Gebiet ähnlichen Zielen gedient zu haben, wie sie bereits für den Feldzug des Caligula angenommen wurden. Zwischen den Mittelgebirgen Taunus und Vogelsberg gelegen, war die Wetterau eine natürliche Pforte sowohl für die Römer nach Norden als auch für die Germanen, v. a. die Chatten, nach Süden. Für eine Wiederaufnahme der offensiven Politik bis zur Elbe, in deren Zusammenhang die Wetterau ja bereits unter Augustus und Tiberius als Einfallstor nach Germanien gedient hatte, gibt es keinerlei Hinweise. Die Besetzung der Wetterau muß also konkret greifbaren defensiven Zielen gedient haben. Taunus, Vogelsberg und die dazwischen liegenden Militärlager riegelten die Gebietes des Rheinknies, der Mainebene und den dahinter liegenden neu eroberten rechtsrheinischen Landstreifen effektiv gegen die immer wieder erfolgenden Einfälle v. a. der Chatten ab. Anders als die bewaldeten Mittelgebirgszonen waren die Wetterau mit ihrem offenen und nur leicht hügeligen Gelände und die untere Mainebene darüberhinaus geeignetes Aufmarschgebiet für die römischen Truppen im Falle eines Angriffs auf das Legionslager Mainz (41). Gegen den Stamm der Chatten richtete sich auch ein Feldzug des Sohnes von Vespasian und letzten flavischen Kaisers Domitian (81-96 n. Chr.). Dieser war nach der kurzen Herrschaft seines Bruders Titus (79-81 n. Chr.) auf den Thron gekommen. Die genaue zeitliche Einordnung dieses Chattenkrieges ist umstritten, allgemein geht man von einem Beginn Anfang 83 n. Chr. und einem Ende 85 n. Chr. aus (42). Ähnlich wie beim Feldzug des Caligula ist die historische Überlieferung für diesen Chattenkrieg sehr problematisch. Die zeitgenössischen Autoren, v. a. Martial (ca. 40-103/04 n. Chr.) und Statius (ca. 40-ca. 96 n. Chr.), neigen zu schmeichlerischen Äußerungen. Im Laufe seiner Regierungszeit wurde Domitian u. a. beim Senat immer unbeliebter. Die nach seiner Ermordung einsetzende Berichterstattung aus senatorischen Kreisen, v. a. von Tacitus, Plinius d. J. (* 61/62 n. Chr.) und Cassius Dio, aber auch von Sueton, der dem Ritterstand angehörte, stand ihm deshalb sehr ablehnend gegenüber. Als Informationsquelle über den Verlauf des Krieges selbst steht uns nur ein sehr knapper Bericht Frontins (1. Jh. n. Chr.) zur Verfügung. Auch im Falle des Chattenkrieges stellt sich wieder die Frage nach den Ursachen. In den antiken Quellen klingt die Vermutung an, die Triebfeder sei für Domitian die Sucht nach Ruhm und das Verlangen nach Gleichstellung mit Vater und Bruder gewesen, die militärisch erfolgreich waren. Der Kampfplatz sei so gewählt gewesen, daß kein wirkliches Risiko für die Reichsinteressen bestanden habe. Dieses Urteil wurde teilweise durch die moderne Forschung übernommen (43). Die Vorstellung von einer versuchten Einreihung in die Taten der Vorgänger spielte bereits bei den Unternehmungen des Caligula und des Vespasian eine Rolle. Dafür spricht, daß Domitian seinen Sieg propagandistisch sehr stark betonte. Er feierte einen Triumph (44), erhöhte die Anzahl seiner imperatorischen Akklamationen (45), nahm den Beinamen Germanicus an, benannte den Monat September in Germanicus und den Oktober in Domitianus um (46), ließ eine Reiterstatue und evtl. ein Tropaion in Rom errichten (das Trofeo di Mario; 47) und wertete seinen Sieg in der Münzpropaganda durch die Darstellung der besiegten Germania aus (48). Auch der sogenannte Germanicusbogen in Mainz-Kastel könnte in diesem Zusammenhang errichtet worden sein (49). Aber im Falle Domitians steht dieser Sicht die Existenz konkreter sicherheitspolitischer Ziele gegenüber. Frontin berichtet, die Chatten hätten sich ihrerseits auf einen Angriff vorbereitet (50). Der Feldzug wäre demnach als Präventivschlag zur Sicherung des römischen Reichsgebietes gedacht gewesen (51). Ein Kriegszug der Chatten wäre nichts Ungewöhnliches gewesen, v. a. in der konkreten historischen Situation: Erst ein Jahrzehnt zuvor hatten die Römer mit der Landnahme in der Wetterau die sicherheitspolitischen Bedürfnisse der Chatten ihrerseits verletzt. Aus deren Sicht wäre ein Versuch, die verlorenen Gebiete zurückzugewinnen, mehr als nur verständlich (52). Auf jeden Fall war der Kriegszug Domitians gegen die Chatten ein durchdachtes Unternehmen, daß unter Aufbietung beträchtlicher Kräfte (53) und nach sorgsamen Vorbereitungen durchgeführt wurde (54). Aufbauend auf den Erwerbungen des Clemens scheint er auch die sicherheitspolitischen Überlegungen des Vaters, Vespasian, fortzuführen: Absicherung des römischen Gebietes nach Norden durch Schaffung eines erweiterten Vorfeldes (55). Die Art der Kriegführung spricht wohl eher gegen einen geplanten tiefen Vorstoß nach Germanien in die Kernlande der Chatten. Zentral ist die Stelle bei Frontin, der wohl selbst am Feldzug beteiligt war (56): limitibus per centum viginti milia passuum actis (57). Wie genau diese limites zur Bekämpfung der Chatten eingesetzt wurden, ist letzten Endes nicht mehr sicher zu rekonstruieren. Entweder ist die Stelle so zu verstehen, daß Domitian schneisenartige Straßen in die Gebiete der Chatten schlagen ließ, um seinem Heer den Vormarsch zu erleichtern. Oder aber die Schneisen wurden als Sicherungssystem in die Wälder geschlagen, um die guerillaartigen Überfälle (58) der Chatten zu verhindern bzw. diesen den Rückzug zu verwehren (59). Nach dem Sieg Domitians scheint es zu einer vertraglichen Übereinkunft mit den Chatten, also dem Abschluß eines foedus, gekommen zu sein (60). Wie vielfach in den Quellen belegt, war es eine gängige Vorgehensweise der Römer, grenznahe Stämme durch den Abschluß von Verträgen an sich zu binden. Nach der siegreichen Beendigung des Krieges wurde das Prinzip, überwachte Schneisen in den Wäldern anzulegen, als Sicherung der neuen Grenze ausgebaut. Es wurde ein Postenweg angelegt, der in regelmäßigen Abständen von Holztürmen überwacht war (61). An dieser neuen Grenzlinie wurden Truppen stationiert. In der Wetterau wurden die Kastelle Butzbach, Arnsburg und evtl. bereits Echzell direkt am Limes errichtet, in Bad Nauheim entstand zusätzlich zu den vespasianischen Anlagen ein weiteres Lager im Zentrum der Region. Im Zentrum verblieb auch weiterhin die Hauptmasse der Truppen (62). Die Bewertung des Chattenkriegs ist wesentlich für eine Aussage über die Ursachen des Limesbaus nördlich des Mains. Domitian scheint zwar durchaus die Aussicht auf innenpolitisch auszunutzende Erfolge im Auge gehabt zu haben, aber unverkennbar folgte der Chattenkrieg der durch seinen Vater vorgegebenen sicherheitspolitischen Linie (63). Die Einrichtung des Limes in der Wetterau und den angrenzenden westlichen Strecken ist kein eher zufälliges Nebenprodukt der Kriegsführung, sondern folgt konsequent den sicherheitspolitischen Erfordernissen. Neben der Wetterau wurden nun auch Taunus und Neuwieder Becken in die Vorfeldsicherung des Mittelrheingebietes einbezogen und dadurch die Bedrohung durch die Chatten zusätzlich zu dem abgeschlossenen foedus noch weiter eingedämmt (64). Für eine Planung im Rahmen eines Sicherheitskonzeptes spricht auch die Einrichtung der beiden germanischen Provinzen. Diese muß zwischen den Jahren 82 und 90 n. Chr. erfolgt sein. Die Ersetzung der beiden Heeresbezirke durch provinziale Strukturen dokumentiert das Ende der Sonderstellung Germaniens als wichtigste Militärgrenze des Reiches (65). Daß allerdings die Sicherungsmaßnahmen des Domitian nötig und die Bedrohung der Chatten keineswegs überwunden war, zeigt die Hilfstruppe, die dem aufständischen Statthalter L. Antonius Saturninus 89 n. Chr. zu Hilfe kam (66). Zwar konnten die Germanen nicht in die Ereignisse des Aufstandes links des Rheins eingreifen, doch zeigt sich in dieser Episode, die in der Literatur auch als zweiter Chattenkrieg bezeichnet wird, doch die immer noch vorhandene Schlagkraft der Germanen nördlich der Wetterau. Archäologisch lassen sich in mehreren Lagern der Wetterau Zerstörungsspuren feststellen, die möglicherweise in diesen Zusammenhang gehören (z. B. in Heddernheim und Okarben; 67). Im Zusammenhang mit der Realisierung eines defensiven Konzeptes steht auch der beginnende Abzug von Legionen aus Germanien. Einmal hatten die Beispiele des Vitellius und jüngst des Saturninus gezeigt, daß zu große Truppenkonzentrationen machtpolitisch ein Risiko darstellten. Zum anderen begann mit Domitians Kämpfen gegen die Daker die Verlagerung der primären militärischen Bedeutung vom Rhein an die Donau. In Mainz war ab 92 oder 97 n. Chr. mit der legio XXII Primigenia pia fidelis nur noch eine Legion stationiert und damit das letzte Doppellegionslager in Germanien aufgehoben (68). Im Gegenzug wurde die Grenzlinie stärker mit Auxiliareinheiten verstärkt. In der Wetterau wurden die Lager Kapersburg, Inheiden, spätestens jetzt Echzell, Altenstadt, kurzfristig Nidderau-Heldenbergen und Hanau-Kesselstadt/Salisberg an der Grenze errichtet (69). Legionsabzug und Grenzausbau weisen auf eine betriebene Konsolidierung der Verhältnisse und eine grundsätzliche Abkehr von offensiven Absichten hin (70). Der seit Tiberius bestehende Anspruch auf Germanien (s. S. 3; 7) und die politische Realität hatten sich einander genähert.
Die Unruhen im Zusammenhang mit dem Saturninusaufstand blieben für längere Zeit die letzten größeren Kämpfe im Bereich des Wetteraulimes. Die von den Flaviern begonnene Politik wurde von Trajan (98 117 n. Chr.) konsequent weitergeführt. Die Verlagerung der Legionen an die Donaufront wurde fortgesetzt. In Obergermanien verblieben nur noch zwei (71). Als Ausgleich dafür wurde die Grenze erneut mit zusätzlichen Auxiliarkastellen besetzt. Nördlich des Mains wurde v. a. die östliche Wetteraulinie verstärkt: Die Kastelle Langenhain, evtl. Inheiden, Oberflorstadt, Marköbel, Rückingen und Großkrotzenburg wurden errichtet. Die auf die vespasianische Zeit zurückgehenden Lager im Innern der Wetterau wurden bis auf Friedberg aufgegeben (72). Man ging jetzt endgültig von einem tiefgestaffelten Verteidigungssystem zu einer linearen Grenzsicherung über. Dies hat weitreichende Konsequenzen für eine Beurteilung der Sicherheitslage: Ein System von linear an der Grenze aufgereihten Kastellen eignet sich eher zur lückenlosen Sicherung derselben, v. a. gegen kleinere räuberische Gruppen. Auch die bereits seit vespasianischer Zeit feststellbare große Anzahl an Reitereinheiten (73) trägt diesem Prinzip Rechnung: Sie waren schnell, beweglich und konnten das offene Gelände der Wetterau optimal beim Abfangen kleinerer Gruppen ausnutzen. Dieses Schema wurde offenbar mit einer Vorfeldsicherung kombiniert, denn eine Verbreitungskarte germanischer Funde zeigt, daß bis auf wenige Ausnahmen abgesehen keine Germanen direkt vor dem Limes siedelten (74). Anders als das vespasianische System von relativ eng beieinander liegenden Anlagen im Zentrum der Wetterau war die lineare Verteidigung weniger zur Abwehr größerer Angriffe tauglich (75). Übergriffe kleiner, räuberischer Germanengruppen waren jetzt auch anzunehmen: Beginnend mit trajanischer Zeitstellung sind im Gebiet der Wetterau bis heute insgesamt ca. 350 römische Gutshöfe, villae rusticae, nachgewiesen (76). Dies zeigt, daß die Römer ab dem Beginn des 2. Jahrhunderts n. Chr. die Fruchtbarkeit der Wetterau auszunutzen begannen (dieses Gebiet eignet sich wegen der Böden und der klimatischen Bedingungen hervorragend zum Ackerbau). Dabei spielte das in großer Zahl hier stationierte Militär als Abnehmer von Getreide sicherlich eine bedeutende Rolle (77). Bedingt durch diese Umstände keine größeren kriegerischen Auseinandersetzungen und positive ökonomische Entwicklung begann sich Handel und infolge dessen ein reger Grenzverkehr zu entwickeln. Als Beispiel sei hier das Kastell Butzbach, an einem Grenzübergang gelegen, mit seinem ungewöhnlich großen vicus an der Fernstraße von Friedberg ins freie Germanien genannt (78). Der Limesdurchgang wurde zusätzlich von einem direkt am Limes gelegenen Kleinkastell überwacht. Das lückenlose Grenzsystem bewährte sich also durchaus auch in wirtschaftlicher Hinsicht zur Regulierung der Grenzübergänge und dem Erheben von Zöllen (79). Die civitas Taunensium mit dem Hauptort Nida (Heddernheim) wurde eingerichtet und das Gebiet damit zivilen Verwaltungsstrukturen übergeben (80). Die von Domitian initiierte Überführung der Region in den Status einer befriedeten Provinz war unter Trajan voll im Gange. Verdeutlicht werden diese Entwicklungen durch die von Trajan herausgegebenen Münzemissionen von 98/100 n. Chr.: Darauf ist das Bild der sitzenden Germania zu sehen, die einen Ölzweig, das Symbol für Frieden, in der Hand hält. Die Darstellung ist Programm: Offensivpläne gab es nicht mehr. Germanien war nun befriedet (pacata), so die Botschaft (81). Spätestens jetzt war die Wetterauregion von einer Vorfeldzone zum integralen, wegen ihres wirtschaftlichen Wertes schützenswerten Teil des römischen Reiches geworden. Das Sicherungskonzept des Limes begann sich zu bewähren. Kaiser Hadrian (117 138 n. Chr.) reiste zu Beginn seiner Regierungszeit durch die westlichen Provinzen und besuchte 121 n. Chr. Germanien. Dort verschaffte er sich ein Bild vom Grenzgebiet und führte militärische Reformen durch. Er ließ den Limes zusätzlich durch eine Holzpalisade schützen. Dieser Zeitansatz ist zwar nicht mit archäologischen, jedoch mit historischen Quellen nachzuweisen. Damit trug er der Konzeption der Grenzbefestigung und damit deren sicherheitspolitischer Begründung Rechnung: Die Palisade erschwerte mit räuberischer Absicht eindringenden Gruppen den unerlaubten Übergang, v. a. wenn sie mit Beute beladen den Rückzug antreten wollten. Gegen größere Angriffe war diese Art der zusätzlichen Befestigung nicht sehr nützlich (s. o.). Wohl aber dürfte sie den freien Germanen den Anspruch Roms auf die Gebiete hinter dem Limes noch deutlicher gemacht haben (82). Der Schutz der rechtsrheinischen Gebiete und v. a. auch der exponierten Wetteraustrecke wurde also weiterhin verstärkt. Die sich hinter der Grenze entwickelnde römische Lebensart machte diesen verstärkten Schutz offenbar notwendig. Kleinere germanische Überfälle kamen also vor. Wahrscheinlich begann in der Regierungszeit des Hadrian der Ausbau der Wetterauer Holzlager in Stein, beginnend mit Butzbach und Echzell (83). Dadurch wird endgültig klar: Hadrian plante keine weitere Vorverlegung der Grenze mehr. Er führte demnach lediglich die von den Flaviern eingeleitete Sicherungspolitik in Germanien fort. Er ordnete sie allerdings in ein größer dimensioniertes, reichsweites Provinzkonzept ein. Ausdruck findet dieses in den Münzemissionen mit Personifikationen der einzelnen Provinzen. Die Grenzprovinzen wurden z. T. mit typischen Attributen dargestellt. Sie gehören zum Reich, müssen aber abwehr- und kampfbereit sein. Hier reiht sich die Münzserie für Germanien ein: Darauf zu sehen ist Germania mit Speer und Schild. Die Waffen, die die Germanen einst gegen Rom erhoben hatten, stehen nun laut dem Bildprogramm in Diensten Roms. Zusammen mit den anderen Grenzprovinzen verteidigen die germanischen Provinzen das Reich gegen seine Feinde (84). Für die Wetterau trifft dies ganz besonders zu. Ursprünglich wurde das Gebiet ja als natürliche Pforte und Einfallstor zwischen den Mittelgebirgen besetzt. Nun ragte es wie ein stark bewachter Vorposten ins freie Germanien hinein. Es war endgültig ins Reich und dessen Gesamtkonzeption der Sicherung eingefügt. Mit dem verstärkten Ausbau der Limeslinie wird gleichzeitig ein völliger Verzicht auf expansive Absichten und eine Konzentration auf die Defensive dokumentiert. Nach Hadrian änderte sich an der Limeskonzeption nichts mehr wesentlich. Nach und nach wurden die Kastelle und seit Antoninus Pius auch die Wachtürme in Stein ausgebaut. Die Standorte wurden dadurch noch dauerhafter festgelegt. Unter Commodus wurde am Limes als zusätzliches Annäherungshindernis ein Graben mit vorgelagertem Wall zwischen Weg und Palisade angelegt. Die westlich an die Wetteraustrecke angrenzende Taunuslinie wurde mit kleineren Aufklärungseinheiten (exploratores) besetzt, stationiert z. B. im Feldbergkastell (85). Diese Maßnahmen stellten lediglich eine Verstärkung der taktischen Schutzfunktion dar. Allerdings wandelten sich seit der Mitte des 2. Jahrhunderts n. Chr. die Verhältnisse wieder. Größere Germanenverbände nahmen ihre Angriffe gegen das Reichsgebiet wieder auf. Für die Wetterau wird wieder von Einfällen der Chatten berichtet (86). Darauf konnte sich das taktische Konzept der Römer, die im 3. Jahrhundert auch mit anderen Problemen zu kämpfen hatten, offensichtlich nicht einstellen. Zerstörungen ab der zweiten Hälfte des 2. und in der ersten Hälfte des 3. Jahrhunderts zeigen die immer stärker werdende germanische Bedrohung. Am Ende waren es jedoch nicht die Chatten, sondern der neu entstandene Stammesverband der Alamannen, der die Römer 260 n. Chr. aus der Wetterau und den rechtsrheinischen Gebieten überhaupt vertrieb (87). Die Ära des rechtsrheinischen Limes war damit beendet (88). Die Römer bezogen eine neue Verteidigungsposition mit dem Rhein als Grenze und kehrten damit auf ihre Ausgangspositionen der frühen Kaiserzeit zurück.
III. Zusammenfassung der Ergebnisse und Interpretation Die Untersuchung der römischen Sicherheitspolitik im Mittelrheingebiet und der Wetterau im besonderen vom Ende der augusteischen Offensivpolitik unter Tiberius bis hin zur Eingliederung des Limes in das reichsweite Sicherheitskonzept des Hadrian läßt deutlich eine Entwicklung erkennen. Nachdem Tiberius den Rhein als Grenze installiert hatte, zeigten die Ereignisse unter Caligula und Claudius klar die Instabilität dieser Regelung der Germanienfrage. Außenpolitisch fehlte ein gesichertes Vorfeld, wie die häufigen Chattenangriffe zeigen. An einer verhältnismäßig kurzen Grenze war ein ganz beträchtliches Truppenpotential gebunden. Innenpolitisch führte diese Truppenkonzentration immer wieder zu Aufständen gegen die Kaiser. Caligula trug dieser Situation wohl mit seinem Germanienfeldzug Rechnung, konnte jedoch kaum etwas bewirken. Claudius setzte sich mit der Eroberung Britanniens andere Ziele. Immerhin sind mit dem Lager Hofheim a. Ts. in der Zeit dieser beiden Kaiser die ersten archäologischen Spuren der Römer in diesem Gebiet zu finden. Neros Regierungszeit hingegen fiel anscheinend in eine Phase der relativen Ruhe. Unter der neuen Dynastie der Flavier ist jedoch eindeutig zu erkennen, daß die nicht wirklich geklärte Germanienfrage planvoll und energisch angegangen wurde. Vespasian ließ historisch und archäologisch eindeutig u. a. die strategisch wichtige Wetterau besetzen, um das benötigte militärisch kontrollierte Vorfeld für den Bereich von Mainz zu schaffen. Sein Sohn Domitian setzte dieses Werk fort. Der damals mit den geschlagenen Chatten geschlossene foedus scheint mir große Auswirkungen gehabt zu haben. Militärisch war die Macht des Stammes ungebrochen, wie sein Erscheinen im Saturninusaufstand zeigt. Allerdings herrschte mit dieser (römisch motivierten) Ausnahme danach für ca. 70 Jahre Ruhe an der Wetteraugrenze. Dies war die Voraussetzung für die Einrichtung des Limes und damit den Wechsel im strategischen Sicherheitssystem: weg von der Truppenmassierung hin zur linearen Grenzverteidigung. Denn diese eignete sich v. a. gegen kleinere räuberische Übergriffe, kaum jedoch zur Abwehr größerer Angriffe. Dies ermöglichte den Abzug eines beträchtlichen Teiles der Truppen, die nun für andere Aufgaben frei wurden. Den sehr planvollen Charakter dieser Maßnahmen unterstreicht auch die Provinzgründung in domitianischer Zeit. Unter Trajan wurde dieses Werk konsequent fortgesetzt. Zum einen bewährte es sich, wie das aufkeimende römische Leben in dieser Zeit beweist, zum anderen war es strategisch und logistisch auch unbedingt notwendig. Denn die Donaufront hatte nun die Rheingrenze als militärischen Brennpunkt abgelöst. Der Limes verschaffte den Römern dort die notwendigen Kapazitäten an Legionen. Hadrian schließlich vollendete das Werk, indem er es in sein reichsweites Sicherheitssystem integrierte und die Position der Römer mit der Errichtung der Holzpalisade und dem Ausbau der Lager in Stein festigte. Diese Entwicklung läßt sich besonders an den
verschiedenen Münzserien fassen: Domitian propagierte die
Germania als besiegt, Trajan als befriedet
und Hadrian als das Reich
Das System funktionierte allerdings nur solange, wie größere Germanenangriffe ausblieben. Als diese nur wenige Jahrzehnte nach Hadrian unter Antoninus Pius wieder einsetzten, waren die Römer nicht mehr in der Lage, ihr Verteidigungskonzept darauf einzustellen. Es war ihnen nicht mehr möglich, auf Dauer die Truppenstärke am Rhein wieder auf das erforderliche Maß zu bringen. So begann der langsame Niedergang römischer Macht u. a. in der Wetterau, der sich im Abzug des Jahres 260 n. Chr. und der Wiederaufnahme der Rheinlinie als Grenze fortsetzte.
Anmerkungen (1) Caes. bell. Gall. 4, 16-19.
Literaturverzeichnis I. Quelleneditionen 1.) Antike Autoren Caes. bell. Gall.:
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3.) Münzen BMC III:
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Addenda Folgende Literatur wurde nicht berücksichtigt: J. M. C. Toynbee, The Hadrianic School. A Chapter in History of Greek Art (Cambridge 1934). A. Wigg, Im Schatten des Wetteraulimes. Neueste Forschungen im Lahntal. Roman Frontier Stud. 16, Kerkrade 1995. Oxbow Monogr. 91 (Oxford 1997) 217-223. D. J. Wooliscraft/B. Hoffmann, Zum Signalsystem und Aufbau des Wetteraulimes. Fundber. Baden-Würrtemberg 16, 1991, 531-544.
Baatz/Herrmann 1989 Umschlaginnenseite vorne. |
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