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Die beiden Texte waren in ihrer Originalfassung das Handout eines Kurzreferates, das im Sommersemester 1999 für eine studentische Kurzexkursion nach Xanten angefertigt wurde
 

„Römische Militäranlagen und Römische Militäranlage in Xanten.“

Patrick Jung
patrick_jung (at) gmx.de




Inhalt:

Römische Militäranlagen

Römische Militäranlagen in Xanten

Abbildungsverzeichnis

Literaturverzeichnis




Römische Militäranlagen

Nach der Einteilung des römischen Heeres unterscheidet man Legionslager und Auxiliarkastelle. In einem Legionslager (Abb. 1) waren bis zu zwei Legionen stationiert. Pro Legion benötigte man etwa 20 ha Fläche, so daß diese Lager bis zu 40 ha groß sein konnten. Die Auxiliarkastelle (Abb. 2) waren in Grundriß und Aufbau verkleinerte Versionen dieser großen Legionslager. Ihre Größe schwankte je nach der dort stationierten Truppe erheblich: ab 0,6 ha für einen numerus (ca. 120 Mann; Abb. 3) über ca. 1,4 ha für eine cohors quingenaria peditata (ca. 500 Mann Infanterie) bis zu 6 ha für eine ala milliaria (ca. 1000 Mann Kavallerie).
 

Abb. 1
Abb. 2

In der Frühzeit hatten die Lager oft einen polygonalen Grundriß. Als Beispiel hierfür kann man das ca. 36 ha umfassende Zweilegionenlager von Mainz nennen, das um 13 v. Chr. gegründet wurde.

Ab der Mitte des 1. Jh. n. Chr. folgte die Anlage der Militärlager einem weitgehend genormten Schema. Der Grundriß war rechteckig mit abgerundeten Ecken (sog. „Spielkartenformat“). Die meisten Lager wurden anfangs aus Holz errichtet, später wurden sie in der Regel in Stein ausgebaut.
Ein oder mehrere Gräben (fossae) umzogen die Lager. Sie waren meist Spitzgräben und nicht mit Wasser gefüllt. Als weitere Verteidigungsmaßnahmen konnten zugespitzte Pfähle oder Fallgruben vor, zwischen und in den Gräben hinzukommen.
Die Wehrmauer konnte eine Holz-/Erde-Konstruktion sein, oder sie bestand aus Stein, oft mit einem dahinter liegenden Erdwall (vallum). Die Torzufahrten waren in der Regel von Türmen flankiert. Dazu konnten Eck- und Zwischentürme kommen, die meist hinter der Mauer lagen. Hinter der Mauer befand sich das intervallum, der freie Raum zwischen Mauer und bebauter Innenfläche des Lagers. Entlang der Mauerinnenseite konnte hier eine Straße laufen, die via sagularis.
Durch die Hauptstraßen war das Innere des Lagers gegliedert. Vom rechten Seitentor (porta principalis dextra) zum linken (porta principalis sinistra) verlief die via principalis. Ungefähr im Zentrum des Lagers befanden sich oberhalb dieser Straße die principia, das Stabsgebäude. Die Angaben rechts/links der Seitentore sind von einer gedachten Person aus gesehen, die vom Stabsgebäude aus auf das Haupttor, die porta praetoria blickt. Principia und vorderes Tor waren durch die via praetoria verbunden. Dieses Haupttor war meist dem Feind zugewandt. Von der Rückseite der principia lief die via decumana zur porta decumana, dem rückwärtigen Lagertor. Oft kam dazu noch die via quintana, die parallel zur via principalis hinter den principia verlief. Die restlichen, kleineren Straßen zwischen den einzelnen Gebäuden wurden viae vicinariae genannt. Durch die via principalis und die via quintana war das Lager in drei Bereiche geteilt: Die praetentura (vorderer Teil), die latera praetorii (Mittelstreifen) und die retentura (rückwärtiger Teil).
 

Abb. 3
Abb. 4

Die principia (Abb. 4) bildeten das Lagerzentrum. Sie hatten verwaltungstechnische und kultische Aufgaben. Meist lag zur via principalis hin eine Vorhalle, die für Versammlungen und zum Exerzieren benutzt wurde. Dahinter befand sich ein Innenhof, an den sich eine Querhalle (basilica) mit (in Auxiliarlagern meist fünf) Räumen anschloß. Im Mittleren befanden sich das Fahnenheiligtum (aedes) mit den Feldzeichen (signa, vexilla), den Truppenaltären und den Kaiserbildnissen. Darunter im Kellerbereich bewahrte man die Truppenkasse auf. Bei den anderen Räumen handelte es sich um Diensträume, z. B. von Schreibern (tabularia) oder des Fahnenträgers (signifer). Dazu kamen noch die armamentaria, die Waffenräume, die auch an den beiden Seiten längs des Innenhofs angeordnet sein konnten. Im Innenhof selbst befand sich auf einem Podest das Tribunal, von dem aus Ansprachen gehalten und Befehle gegeben wurden.
Das Wohnhaus des Kommandanten, das praetorium, war meist nach dem Schema der mediterranen Peristylvillen angelegt und befand sich in der Regel in Legionslagern hinter den principia, in Auxiliarkastellen rechts daneben.
Die Soldaten selbst waren in sog. Mannschaftsbarracken, den centuria, untergebracht (Abb. 5). Diese bestanden aus zehn Mannschaftsräumen (contubernia) mit je einem Wohn- und Schlafraum und Herd sowie einem Vorraum. Am Kopfende lag der quadratische Wohnbereich des centurio.
Dazu kamen weitere Gebäude: Speicherbauten (horrea; z. B. für Getreide), Lazarette (valetudinaria), Werkstätten (fabricae), Latrinen, Ställe (stabula), und Bäder innerhalb oder außerhalb des Lagers.
Nur in Legionslagern fanden sich daneben noch Tribunenhäuser, Unterkünfte für Spezialisten (immunes), Versammlungshäuser (scholae) weitere Wirtschaftsbauten sowie zusätzliche Unterkünfte für Hilfstruppen.
In der Spätantike wurde dieses einheitliche Schema weitgehend aufgegeben. Kennzeichnend für diese Zeit sind weitaus stärkere Fortifikationen, z. B. dickere Mauern oder weit vorspringende, dicht beieinander liegende Türme. Auch Höhenlagen wurden wieder bevorzugt befestigt.

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Römische Militäranlagen in Xanten

Auf dem Südhang des Fürstenberges, von dem aus man in römischer Zeit die Lippemündung sehen konnte, wurde 13/12 v. Chr. das von Tacitus so bezeichnete Vetera castra in Holz-Erde-Technik angelegt. Der Name deutet auf einen einheimischen Siedlungsplatz hin. Das Lager befand sich ca. 2 km südöstlich des römischen Xanten in der Nähe des heutigen Stadtteils Birten (Abb. 6). Von der Forschung wird dieses Lager als Vetera I bezeichnet. Von hier aus konnte man die Flußtäler von Rhein und Lippe kontrollieren. So sollte von hier und Mainz aus Germanien unterworfen werden. In dieser Zeit war hier vermutlich die legio XIIX stationiert (Grabstein/Kenotaph des Centurionen M. Caelius). Diese Legion wurde 9 n. Chr. unter Varus vernichtet. Archäologisch ist außer einigen Siedlungsspuren, zwei Töpferöfen und einigen nicht datierbaren Gräben nichts über diese Zeit bekannt.
 

Abb. 5
Abb. 6

Sicher belegt sind die hier stationierten Truppen ab 14 n. Chr., als nach einem Bericht des Tacitus die legio V alaudae und die legio XXI rapax nach dem Tod des Augustus meuterten. Aus dieser Phase läßt sich die Außenumwehrung des Lagers nachweisen. Diese besteht aus einer Holz-Erde-Mauer von drei Meter Breite und einem Doppelgraben.
Ca. 46 n. Chr. wurde dann die legio XXI rapax durch die legio XV Primigenia ersetzt. Ein neues Lager wurde errichtet, dessen Innenbauten bereits z. T. in Stein erbaut waren. Bekannt sind aus dieser Phase nur ein Lazarett und einige Mauerzüge. Das Straßennetz dieses Lagers wich um 10° von dem des letzten Lagers ab. Wahrscheinlich lagen in dieser Zeit zusätzlich mehrere Hilfstruppen hier. Plinius d. Ä. war um 55 n. Chr. als Kommandant einer Reitereinheit hier stationiert.
Um 60 n. Chr. wurde an dieser Stelle das letzte Lager errichtet, das archäologisch besser erforscht ist (Abb. 7). Mit einer Größe von 60 ha ist es das größte bekannte Doppellegionslager. Die 902 × 621 m große umwehrte Fläche war mit einem Doppelgraben, zwei Astverhauen und einer Mauer gesichert. Die Mauer war drei Meter breit und bestand innen und außen aus einer Fachwerkwand, die im Inneren mit Lehmziegeln oder Lehmbatzen aufgefüllt war. Türme waren wohl vorhanden, ließen sich aber bislang nicht nachweisen. Die Lagertore waren aus Holz und bestanden aus einer zweiteiligen Durchfahrt, die von zwei Türmen flankiert war. Vom Inneren des Lagers ist hauptsächlich der Bereich um die principia bekannt. Die principia bestanden aus einem Innenhof, der auf drei Seiten von Doppelkammern umgeben war. Die basilica befand sich an der Nordseite. An ihren Schmalseiten befanden sich die Fahnenheiligtümer der beiden Legionen. Rechts der principia befand sich der Legatenpalast der legio V alaudae, links der der legio XV Primigenia. Beide Gebäude weisen zwei große, circusförmige Prachtgärten auf. Um diese Gebäude herum lagen die Unterkünfte der Stabsoffiziere. Weiterhin ließ sich das Lazarett der 5. Legion und die schola der 15. Legion nachweisen. Die Mannschaftsunterkünfte waren wohl in Fachwerktechnik errichtet und lagen wie ein schützender Wall um die Wirtschafts- und Verwaltungsbauten herum. Im vorderen und hinteren Teil des Lagers waren wohl Hilfstruppen stationiert.
Im Osten des Lagers fanden sich Reste der Lagervorstadt (canabae), im Süden ein Gräberfeld.
71 n. Chr. wurde die Rheinarmee reorganisiert. Als Folge wurde in Vetera nur noch eine Legion, die legio XXII Primigenia, stationiert. Der Standort des Lagers (Forschungsname: Vetera II) verlagerte sich um 1 km nach Osten auf die hochwasserfreie Niederterasse des römischen Rheins. Heute befindet es sich bis zu 10 m tief in einem Baggersee, doch konnten zur Datierung bei Tauchaktionen ausreichend Funde gesammelt werden. Um 92/96 oder 104/105 wurde die legio VI victrix hierher verlegt. Um 120 kam schließlich die legio XXX Ulpia victrix nach Vetera. Diese Legion läßt sich bis in die Zeit der großen Germaneneinfälle 275/76 nachweisen.
 
Abb. 7
Abb. 8

Wahrscheinlich wurden die Resttruppen danach in die spätantike Festung Tricensimae innerhalb des Stadtgebietes der Colonia Ulpia Traiana verlegt (Abb. 8). Deren Name deutet auf ein Weiterbestehen der 30. Legion bis in diese Zeit hin. Die Festung wurde zwischen 306 und 311 mitten in die Kolonie aus Spolien gebaut. Sie war über 400 × 400 m groß. Ihre Mauern waren 4 m dick, die 44 halbrunden Türme sprangen 4,50 m vor. Vorgelagert waren noch zwei über 10 m breite Gräben. Die Anlage gilt als bedeutendstes Festungswerk am unteren Rhein. Mitte des 4. Jh. kam jedoch bereits das Ende der Festung. Sie wurde wie die Reste der Kolonie zerstört und an dieser Stelle nicht wieder aufgebaut, sondern wohl wegen der Nachschubzufuhr direkt an den Rhein verlegt.

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Abbildungsverzeichnis:

Abb. 1  Das Legionslager Neuss     Johnson 1987 Abb. 17 b
Abb. 2  Idealplan eines Auxiliarkastells    Johnson 1987 Abb. 19
Abb. 3  Das Numeruskastell Hesselbach am Odenwaldlimes Johnson 1987 Abb. 18
Abb. 4  Idealplan und –aufriß der Principia eines Kohortenkastells Cüppers 1990 Abb. 36
Abb. 5  Idealplan und –aufriß einer Mannschaftsbaracke   Cüppers 1990 Abb. 36
Abb. 6  Die Umgebung von Xanten in römischer Zeit  Horn 1987 Abb. 533
Abb. 7  Das neronische Doppellegionslager Vetera I  Horn 1987 Abb. 535
Abb. 8  Rekonstruktion der Festung Tricensimae in der CUT Rüger 1979 Abb. 17

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Literaturverzeichnis:

T. Bechert/J. H. Willems (Hrsg.), Die römische Reichsgrenze von der Mosel bis zur Nordseeküste (Stuttgart 1995) 49-52.

H. Cüppers (Hrsg.), Die Römer in Rheinland-Pfalz (Stuttgart 1990) 78-81.

H. G. Horn (Hrsg.), Die Römer in Nordrhein-Westfalen (Stuttgart 1987) 619-625; 637 f.

A. Johnson, Römische Kastelle des 1. und 2. Jahrhunderts n. Chr. in Britannien und in den germanischen Provinzen des Römerreiches. Kulturgesch. ant. Welt 37 (Mainz am Rhein 1987) 38-45.

C. B. Rüger, Die spätrömische Großfestung in der Colonia Ulpia Traiana. Bonner Jahrb. 179, 1979, 499-524.

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